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Taiko heißt wörtlich übersetzt Trommel - gemeint
sind aber japanische Trommeln, die aus dem schweren und harten Holz
des japanischen Keyaki-Baums gebaut und mit Rinderhaut bespannt werden.
Es gibt in Japan über 4.000 Profi- und Laien-Taiko-Gruppen - die
wohl aufsehenerregendste ist die Band um Lead-Drummerin Kaoly Asano:
GOCOO. Bevor GOCOO in diesem Sommer dem deutschen Publikum seine Kombination
aus traditionellen Instrumenten und moderner Musik präsentieren
wird, haben wir mit Kaoly Asano gesprochen, die uns erzählt hat,
wie sie zur Musik kam, und was sie beim deutschen Zuhörer bewirken
möchte.
Erzählen Sie uns doch bitte, was Sie vor der Gründung Ihrer
Band GOCOO gemacht haben.
Während des Studiums habe ich mich entschieden, mich dafür
einzusetzen, dass die Menschen gesund leben können. Ich habe mein
Studium im dritten Jahr abgebrochen und durch die Arbeit in einem „Öko-Restaurant"
viel über gesunde Ernährung gelernt. Danach habe ich in einer
Musik-Firma gearbeitet, um ein Studium der Akupunktur zu finanzieren.
In einer Praxis habe ich Erfahrung sammeln können, und nachdem
ich fertig ausgebildet war, konnte ich selbst meine eigene Praxis eröffnen.
Als ich mit Taiko anfing, war ich Akupunkteurin. Ich trat immer öfter
auf, lehrte das Taiko-Spiel und musste aus Zeitgründen schließlich
meine Praxis zumachen. Etwa sechs Jahre danach habe ich die Band GOCOO
gegründet.
Was war der Anlass, mit dem Taiko-Spiel zu beginnen? Was fasziniert
Sie so daran?
Ich habe ja einen Heilberuf ausgeübt, und ich habe mich damals
gefragt, ob es nicht irgend etwas gibt, womit ich die Menschen direkter
aufmuntern könnte. Gerade in solch einer Phase habe ich das Instrument
Taiko kennen gelernt. Nicht als ich Taiko hörte, sondern als ich
zum ersten Mal eine Taiko schlug, habe ich das Gefühl gehabt, dass
das meine Bestimmung sei, etwas, womit ich Dinge bewegen könnte.
Meiner Meinung nach ist Taiko ein Instrument, das den Menschen in seinem
,Herzen', in seiner ,Seele' berührt. Und ich glaube, dass das genauso
den Taiko-Trommler wie den Zuhörer betrifft.
Woher stammt der Name GOCOO? In Deutschland ist durch die Anime-/MangaSerie
Dragon Ball die Figur Son Goku recht bekannt ...
Mit Son Goku hat die Band zu tun, aber vielleicht auch nicht ... (lacht)
Für den Bandnamen gibt es keinen konkreten Grund. Es war eher so,
dass der Klang des Wortes und die Schreibweise auf Englisch mir als
spontane Eingebung gekommen war. Die Gesamtgruppe, der ich angehöre,
die Konzerte und Taiko-Kurse gibt, heißt „Tawoo" -
das kommt aus dem Taoismus und bedeutet etwa „der Weg". Bei
dem Wort GOCOO hatte ich ein Bild von einem unendlichen Weg vor Augen,
über den der Rythmus der Taiko „fliegt". Ich habe erst
später gelernt, dass die chinesische Saiyuki-Saga, aus der die
Son Goku-Figur ja stammt, eigentlich auch auf dem Taoismus basiert.
Das hat mich damals sehr überrascht, aber es ist schön, wenn
sich uns stets neue Bedeutungen unseres Bandnamens eröffnen.
Im Moment besteht die Band aus elf Mitgliedern. Wie wurden die Mitglieder
ausgewählt?
Die Taiko-Gruppe, in der ich mit dem Taiko-Spiel begann und der ich
bis 1996 zugehörte, war zugleich die ursprüngliche Besetzung
von GOCOO. Diese Gruppe löste sich Ende 1996 auf und formierte
sich sozusagen neu als GOCOO. Wir haben dann auch den Taiko-Dojo Tawoo
gegründet. Einige der Schüler, die im Dojo das Taiko-Spiel
lernten, sind heute Mitglieder von GOCOO.
Wie komponieren Sie Ihre Stücke?
Meistens komponiert nicht einer allein ein Stück, sondern das Stück
entsteht in einer gemeinsamen Session. Zum Beispiel liefere ich den
Hauptrhythmus oder erst einmal überhaupt einen groben Rahmen, und
während wir alle trommeln, wird etwas improvisiert. Wir probieren
auf jeden Fall viel aus, und am Ende ordnen wir die Struktur noch einmal
neu. Es kann sein, dass wir die Stücke nachbearbeiten oder anders
arrangieren, d.h. die Stücke verändern sich über die
Zeit, sie entwickeln sich sozusagen.
Weshalb bauen Sie Ihre Taikos selbst?
Es gibt auch welche, die von einem Taiko-Bauer stammen. Die meisten,
die wir bauen, werden von unserem Band-Mitglied Taro Matsuzaki gebaut.
Ein Grund war, dass Taiko extrem kostspielige Instrumente sind und wir
uns am Anfang nur wenige leisten konnten - so mussten wir eben selbst
unsere Instrumente bauen. Aber es kommt oft vor, dass die Lederhaut
vom Rind, mit der Taiko-Trommeln bespannt sind, recht früh durch
Neue ersetzt werden, aber nach Taro's Meinung können die alten,
eingespielten Häute sehr lange bespielt werden - für ihn war
das ein Grund, Taikos selbst zu bauen. Jetzt ist es so, dass gerade die
mit alten Häuten bespannten Trommeln den charakteristischen GOCOO
Sound ausmachen.
Gibt es ein anderes Instrument, das Sie gerne erlernen möchten,
oder dem Sie gerne zuhören?
Bevor ich das Taiko-Spiel erlernte, habe ich mich absolut nicht für
Musikinstrumente interessiert - ich hatte sogar Komplexe, dass ich kein
Talent für Musik hätte. Auch heute kann ich kein anderes Instrument
spielen. Aber seit ich Taikos schlage, interessiere ich mich für
das Klavierspiel und die japanische Kalligraphie.
Können Sie sich ein Leben ohne Taiko vorstellen?
Wenn ich kann, würde ich gerne einen Trommelschlegel in der Hand
halten, bis ich sterbe (lacht). Aber genauso wie ich als Akupunkteurin
das Taiko-Spiel zu meinem Leben machte, kann es ja sein, dass ich irgendwann
als Taiko-Spielerin etwas entdecke, was eher meinem Weg entspricht.
GOCOO macht diesen Sommer eine Tour
durch Deutschland. Treten Sie zum ersten Mal in Europa auf?
Im Januar sind wir auf der Veranstaltung Cultural Capital of Europe:
Graz 03 aufgetreten. Das war das erste Mal in Europa.
Welches Bild haben Sie von Deutschland?
Ich hatte ein Bild von Deutschland als geschichtsträchtiges Land,
in dem weniger Wert auf Glanz, sondern eher auf Qualität gelegt
wird. Seit wir uns auf die internationale Bühne gewagt haben, haben
wir die Erfahrung mit Deutschland als einem sehr offenen Land gemacht,
das neue Dinge schnell akzeptiert. Ich muss sagen, dass ich sehr gespannt
bin auf Deutschland.
Was für ein Konzert, glauben Sie, erwarten die deutschen Besucher
Ihrer Shows?
Ich vermute, dass es wohl schon einige Taiko-Konzerte vor GOCOO in Deutschland
gab, in der das traditionelle Taiko-Spiel vorgestellt wurde. Was die
Tradition betrifft, gibt es vielleicht Dinge, die je nach Land verschieden
sind, und vielleicht nur von den jeweiligen Bewohnern verstanden werden
können. Aber in der Gegenwart hat zeitgenössische Musik etwas
Universelles, Grenzüberschreitendes. GOCOO greift quasi auf ein
traditionelles, japanisches Musikinstrument zurück und drückt
damit aber moderne Musik aus. Auch wenn Taiko ein traditionelles Instrument
einer anderen Kultur ist, sollte der Besuch eines GOCOO-Konzerts nicht
als „Kennenlernen einer fremdartigen Kultur" begriffen werden.
Ich hoffe, dass die Besucher unsere Musik als eine innovative Musikrichtung
verstehen und sich gut amüsieren.
Was ist bei Konzerten von GOCOO besonders wichtig?
Der Sound wird nicht nur von mir allein oder von den jeweiligen Band-Migliedern
erzeugt, sondern er entsteht dann, wenn aus GOCOO eine Einheit wird.
Und bei Konzerten wiederum gibt es eine gemeinsame Erfahrung mit dem
Publikum, die mir sehr wichtig ist. Ich hoffe, dass alle spüren,
dass alle an der Erfahrung der Musik beteiligt sind.
Der Name GOCOO findet sich auf dem Soundtrack von Matrix Reloaded
wieder. Was denken Sie darüber?
Wir sind sehr glücklich. Ich fühle mich sehr geehrt, dass
andere Musiker wie Juno Reactor oder Künstler wie die Wachowsky-Brüder
bei der Erschaffung ihres Werks auf GOCOO zurückgegriffen haben.
Persönlich sind Sie auch sehr engagiert, Sie geben z.B. Taiko-Kurse
für Behinderte. Wie kamen Sie dazu?
In unserem „Gruppenheim" trommle ich zusammen mit Kindern,
die alle jeweils ein anderes körperliches Leid haben. Das Motto
des Heims lautet, dass jeder zwar ein bestimmtes Leid hat, aber auch
jeweils ein Talent. Daraus haben wir ein Programm entwickelt, bei dem
ihnen Sport- und Kunst-Aktivitäten angeboten werden, aber es gab
nichts, bei dem alle mitmachen konnten. Taiko stellte sich als eine
Veranstaltung heraus, an der alle teilnehmen konnten. Seit ich vor zehn
Jahren zum ersten Mal diesen Auftrag erhielt, nehme ich mir jeden Monat
einmal die Zeit für diesen Kurs.
Sie engagieren sich auch für die Umwelt. Was war der Anlass hierfür?
Der konkrete Anlass für die Gründung von GOCOO war eigentlich
ein Auftritt auf einem Event im Rahmen des ,Earth Day 1997'. Ein Bekannter,
der damals an der Planung des Events beteiligt war, beauftragte uns
aufzutreten, und seitdem haben Auftritte im Rahmen solcher Umwelt-Veranstaltungen
einfach nicht mehr abgerissen. Die Taiko-Trommel besteht aus Holz und
aus der Haut eines Tieres - ein sehr einfaches Instrument. Indem wir
die Taiko spielen, indem die Zuhörer die Taiko hören, hoffen
wir, dass wir ein Bewusstsein wecken für die Natur, die Erde und
für unser Leben auf dieser Erde.
Was sind Ihre Träume - Ihre Ziele?
Charakterlich neige ich nicht dazu, mir Ziele fur die ferne Zukunft
zu stecken. Ich hätte mir nicht einmal am Vortag vor meiner Begegnung
mit Taiko vorstellen können, dass ich ein solches Leben wie jetzt
führen würde (lacht). Ich denke, dass es eine Zukunft für
jeden von uns gibt, die sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Daraus
ergibt sich für mich, dass ich weniger über die Zukunft nachdenken
sollte, sondern mich bei allem, was ich tue, auf das, was ich jetzt
tun kann, konzentriere - dann wird sich ein Weg In die Zukunft meist
von alleine eröffnen.
Das Interview führten Petra Kilburg und Gyo Araiwa (Animania 7/03).
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